Abenteuer Neuanfang

Schon immer wollte ich am Meer wohnen. Allerdings hatte ich das eher für “irgendwann mal” geplant, vielleicht für die Rente. Erstmal hatte ich im Kopf meine Karriere als Juristin weiterzutreiben. Als nächstes wäre also ein Jobwechsel innerhalb meines Fachgebiets in Berlin dran gewesen. Maximal hätte ich mir vielleicht noch einen Umzug in eine andere Großstadt vorstellen können. Und dann kam alles anders…

 

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Der Urlaub im Winter in Madrid, Teneriffa und Marrakesch hat uns nicht nur schöne Erinnerungen beschert. Mein Mann und ich haben die Zeit genutzt unser Leben grundsätzlich in Frage zu stellen und eine neue Richtung einzuschlagen. War das Leben in Berlin wirklich alles, was wir wollten? Waren die Jobs, in denen wir arbeiteten, das worauf wir immer noch Lust hatten? Oder gab es vielleicht etwas anderes, einen anderen Ort, einen anderen Job, eine andere Art der Freizeit in dem wir uns ausprobieren könnten? Diese Gedanken beschäftigten uns schon eine ganze Weile, aber erst im Urlaub fanden wir die Muße uns tatsächlich auch zu bewegen. Nicht nur Gedanken hin und her zu schieben, sondern eine Bewerbung abzuschicken. Wir bewarben uns gemeinsam auf eine Hoteldirektorenstelle. Auf einer ostfriesischen Insel. Und aus für uns kaum nachvollziehbaren Gründen haben wir den Job bekommen.

Ende Januar war also klar, dass wir im Sommer unser Leben komplett umkrempeln würden. Trotz dieser Tragweite haben wir diesen Gedanken erstmal beiseitegeschoben und uns um andere Themen gekümmert. Wir haben geheiratet und waren, wie alle anderen, mit Corona beschäftigt. Immer mehr hat sich durch diese besondere Situation auch die Frage aufgedrängt, ob wir den Job überhaupt würden antreten können. Tourismus und Corona sind schließlich nicht das beste Paar. Über Monate hinweg hatten wir also ein Jobangebot auf dem Tisch und einen Umzug zu planen, ohne dass klar war, ob und wie das alles funktionieren könnte.

Beach
Strandkörbe am Hauptstrand.

Irgendwann stand dann aber doch fest, dass wir den neuen Job antreten könnten. Einerseits waren wir erleichtert, andererseits haben wir uns das erste Mal ernsthaft mit der Frage beschäftigt, was das für unser Leben bedeuten würde. Wir würden Berlin gegen eine Insel im Wattenmeer tauschen – die Hauptstadt gegen ein Dorf. Wir würden nicht mehr in unseren sicheren und gut bezahlten Jobs arbeiten, sondern etwas ganz Neues starten, von dem wir bislang nur wenig Ahnung hatten. Und das noch in einer wirtschaftlich durch Corona sehr unsicheren Branche. Wir würden unsere Freunde zurücklassen und erstmal nur auf uns als Paar gestellt sein. War das wirklich das, was wir wollten? Klar, da war das Meer und die romantische Vorstellung, unsere Feierabende am Strand zu verbringen. Aber da waren auch richtig kalte Füße, die trotz der sommerlichen Hitze in Berlin nicht warm werden wollten. Was war da im Urlaub in uns gefahren? War das eine Schnapsidee? Eine vorgezogene Midlife-Crisis oder wirklich eine tolle Chance?

Die Reaktionen aus unserem Umfeld waren viel weniger skeptisch als erwartet. Statt Kritik oder ein müdes Lächeln erhielten wir jede Menge positives Feedback. Fast durchweg hörten wir, dass Leute beeindruckt von unserem Mut waren und uns beneideten, um unsere Flexibilität. Viele brachten ihren Wunsch zum Ausdruck, sich ebenfalls zu trauen, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Und Viele gestanden uns, dass sie sich auch nach einem solchen Schritt sehnten. Tatsächlich machte uns dieser Zuspruch Mut. Wir starteten also mit der Recherche, wie wir den Umzug angehen könnten. Auf eine Insel zu ziehen, ist herausfordernder als gedacht. Insbesondere wenn es sich um eine autofreie Insel handelt. Einfach so einen Laster zu packen und loszufahren, war also keine Option. Wir entschieden uns schließlich für Anhänger, die wir in Berlin beladen und dann auf die Fähre bringen konnten. Dafür brauchten wir ein Frachtkonto. Das ermöglicht uns nun auch größere Einkäufe auf die Insel zu transportieren (Einkaufen auf einer Insel ist ein ganz anderes Thema). Vor Ort wurde dann alles vom Spediteur mit Elektrofahrzeugen zu unserer neuen Heimatadresse gebracht.

Trucks
Anhänger mit unseren Kisten auf der Lastenfähre.

Dieser Umzug ist jetzt zwei Wochen her. Seit einer Woche arbeiten wir in “unserem” Hotel. Es ist noch nicht ganz auf dem Tablet-Standard aber ehrgeizige Ziele befeuern schließlich auch die Motivation… Hier im Haus wurden wir von einem tollen und motivierten Team begrüßt, das sich durch das Corona-Tief gekämpft hat und mit viel Freude die immer zahlreicher eintrudelnden Gäste empfängt. Wir haben unsere Wohnung im Haus nebenan bezogen und sind zum ersten Mal im Leben Gartenbesitzer. Und zum ersten Mal wohnen wir nur 5 Minuten vom Strand entfernt.

Langeoog ist eine der Ostfriesischen Inseln im Nordwesten Deutschlands mit einer Fläche von knapp 20 Quadratkilometern und ca. 2.000 Einwohnern. Teile der Insel und das Wattenmeer um die Insel gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Auf der Insel fahren keine Autos, sondern nur Elektrofahrzeuge, Fahrräder und Pferdekutschen. Und auf die Insel kommt man nur mit der Fähre (oder für die besonders Privilegierten mit dem eigenen Boot oder Flugzeug). Immerhin fährt die Fähre tiedeunabhängig, so dass man mehrmals täglich auf die und von der Insel kommt. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor wenn man aus Berlin kommt, wo Bewegungsfreiheit zum täglichen Brot gehört. Dafür bekommt man auf Langeoog jede Menge Strand, frische Luft und sogar einen kleinen Wald, wie wir auf unserer heutigen Erkundungstour festgestellt haben.

Home and Rebecca

Hotel
Oben: Unser neues Zuhause und ich. Unterseite: Das Hotel Bethanien.

Man kann sich beim Schwimmen, Segeln, Kiten, Golfen oder Reiten austoben. Oder man wandert oder radelt einfach über die Insel. Tagsüber gibt es Eis oder Crêpes und abends kann man zwischen verschiedenen Restaurants und Kneipen wählen. Wer hier keine Erholung findet, dem ist wohl nicht zu helfen… oder der ist Hoteldirektor geworden. In der letzten Woche haben wir jeden Tag von morgens bis abends gearbeitet und waren nur einmal kurz am Strand. Zum Glück war das Wetter ziemlich schlecht, das hat das Arbeiten oder auch das Wegbleiben vom Strand erleichtert. Schon verrückt, wenn man auf einmal einen ganz neuen Job macht und sich in ein bestehendes Haus und all die Prozesse eindenken muss. Das ist herausfordernd, aber seit langem hat mir die Arbeit nicht mehr so viel Spaß gemacht.

Forest
Wald auf Langeoog.

Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, noch einmal neu zu starten: an einem neuen Ort und in einem neuen Job. Dennoch freue ich mich über die Konstante, die ich in meinem Mann habe. Wir haben beide bereits festgestellt, dass keiner von uns dieses Abenteuer allein gewagt hätte und dass wir sehr dankbar dafür sind, zusammen hier zu sein. Wir sind gespannt auf die nächsten Wochen und Monate. Nicht nur in Bezug auf das Gastgewerbe und Corona, sondern auch auf unser neues Zuhause und wie uns das Inselleben gefallen wird. Bislang sind wir restlos begeistert. Was für ein Leben!